My bags are packed, I’m ready to go.” Das Lied von Peter, Paul and Mary begleitet mich, als ich meinen Überseekoffer vor meine Haustür rolle und auf das Taxi warte, das mich zum Flughafen bringen wird. Es ist tiefer Winter in Deutschland. Dunkelheit und gedämpfte Stimmen beherrschen die Straßen. So schwer wie mein Koffer wiegt, lasten auch meine Gedanken auf mir. Ich will weit weg, um möglichst viel von dem Gewicht auf meinen Schultern hinter mir zu lassen. Also nehme ich mal eben einen dreizehnstündigen Flug auf die andere Seite der Welt auf mich. Es geht nach Buenos Aires.

Weihnachten im Hochsommer

Nach einer gefühlten Ewigkeit im Dämmerschlaf über den Wolken und dem Atlantischen Ozean fängt mich die Großstadt auf. Es ist Hochsommer. Es ist Weihnachten. Ich kann nicht umhin, mir einen schwitzenden Weihnachtsmann vorzustellen, der eben nicht durch den Schornstein klettert, sondern bei 38° Grad ächzend die bröckelnde Fassade eines Wohnhauses im Medrano-Viertel erklimmt. Weihnachtstannen und die Stille Nacht sucht man in Argentiniens Metropole zum Jahreswechsel vergeblich. Bereits am Heiligabend bebt die Stadt wie bei uns an Silvester und taucht unter im Nebel des nicht enden wollenden Feuerwerks. Dennoch ist alles festlich. Das Silvestermenü mit allerlei Grillgut anstelle von Karpfen oder Fondue wird besprochen, der Wein auf die einzelnen Gänge abgestimmt, der Champagner kaltgestellt.

Blick in die Eterna Cadencia und auf den imposanten Kronleuchter

Ein Blick in die verträumte Eterna Cadencia, in der die Inneneinrichtung eines edlen Stadthauses erhalten geblieben ist. Photo courtesy of Leire Escalada (instagram.com/marea_de_libros)

Der Zauber längst vergessener Tage

Die Feiertage vergehen für mich in einem Strudel aus Abendessen mit alten und Frühstück mit neuen Freunden. Vor allem aber verbringe ich die Stunden in den kühlen und stillen Buchhandlungen der Stadt am Río de la Plata. Denn Buenos Aires ist nicht nur das Zentrum des Tangos, sondern auch das der Bücher. „Das Paradies habe ich mir immer als eine Art Bibliothek vorgestellt“, sinnierte bereits Borges. In der kleinen und in angenehm mattes Licht getauchten „Eterna Cadencia“ im Stadtteil Palermo Hollywood komme ich immer wieder mit anderen Besuchern des Geschäfts ins Gespräch. Wir reden über Autoren, Werke oder über Gefühle und Momente im Leben, die sich auf den Tausend und einer Seite der Bücher in unseren Händen widerspiegeln. Die Buchhandlung ist in einer ehemaligen Stadtvilla untergebracht, deren atemberaubende Struktur größtenteils erhalten geblieben ist. Sogar eine kleine Bar ist in diesem Büchertempel untergebracht, um eben diesen Austausch zwischen Menschen, in dessen Genuss ich hier komme, zu fördern.

Vom Theater zur Buchhandlung

 

Im ehemaligen Theatergebäude des Ateneo Grand Splendid auf der geschäftigen Avenida Santa Fe schaue ich anderen Besuchern der Buchhandlung beim Stöbern und Lesen zu. Sie lächeln, sie runzeln die Stirn, sie blättern vor und zurück. Es reihen sich Bücher unter Malereien aneinander, die die hohen Decken bereits schmückten, als der berühmte Tango-Interpret Carlos Gardel hier aufzutreten pflegte. Seine Musik scheint noch immer zwischen den Regalen zu schwingen. Ein Stück Geschichte ist hier für immer festgehalten. Nicht umsonst reihte der Guardian diese Buchhandlung als eine der zweitbedeutendsten der Welt ein.

Mädchen steht mit dem Rücken vor der Bühne des Ateneo und betrachtet die Deckenmalerei

Das ehemalige Theater Ateneo Grand Splendid mit seiner Deckenmalerei. Photo: Courtesy of https://instagram.com/laqueviaja

Bücherstrudel auf der Plaza Italia

Etwas rustikaler geht es indes auf der Feria de Libros der Plaza Italia zu. Hier reiht sich Kiosk an Kiosk und ein jedes widmet sich dem Verkauf ausschließlich gebrauchter Bücher. Wie die Verkäufer hier den Überblick über ihr Inventar behalten, bleibt mir ein Rätsel, dennoch hat so manch abgegriffenes Buch etwas Tröstliches und Romantisches und auch hier vergisst man rasch im Strudel  der Bücher die Zeit um sich herum.

Nichts zu befürchten und nichts zu verzollen, denke ich, als mich ein guter Malbec beim Abschiedsessen vor dem Rückflug in den Arm nimmt. So viele schöne Bücher, so viele schöne Geschichten, und alle passen sie in meinen Koffer.

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