Ich und du, Müllers Kuh… Und jetzt das Ganze auf Argentinisch!

Doch anstelle des mir bekannten [jo] und [tu] haut man mir ständig [scho] und [wos] um die Ohren. Außerdem lispeln die ihr „z“ gar nicht.

Das soll Spanisch sein?

Rio-de-la-Plata-Spanisch

Der moderne Argentinier besteht gerne darauf, dass er „castellano“ und nicht „español“ spricht. Tatsächlich könnten die Abgründe zwischen zwei Ländern, die sich derselben Sprache bedienen, nicht tiefer sein. Gerade das argentinische Spanisch übt jedoch durch seine Buntheit und Melodie einen besonderen Reiz aus und ist selbst für meine ungeübten Ohren unverkennbar.

Die Spanisch-Variante der alten Welt hat sich durch die Einflüsse europäischer Sprachen auf eine ganz andere Art und Weise entwickelt. In der Folge klingt für viele Spanier das Kastillisch der neuen Welt irgendwie mittelalterlich.

Scho me schamo

Der yeísmo, also die stimmhafte Aussprache von „y“ und „ll“, ist ein gutes Beispiel dafür. Der Lautwandel hin zum Stimmlosen setzte in Spanien erst im 20. Jahrhundert ein. Dadurch spricht der Spanier heute ein „j“ für „y“ und „ll“ und der Argentinier macht ein weiches „sch“ daraus. Und so singe ich im argentinischen Sommerurlaub spöttelnd „Vamos a la playscha – oh oh oh oh oh“.
Richtig lustig wird es in der argentinischen Sprachentwicklung gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als in den unteren sozialen Schichten in Buenos Aires der sogenannte Lunfardo entstand. Dies geschah zu einer Zeit, als die Stadt eine der größten Immigrationswellen erlebte. Der Dialekt setzt sich folglich aus spanischen, französischen und italienischen Lehnwörtern zusammen.

Durch den Tango erlebte der Lunfardo starke Verbreitung. Bis heute haftet ihm etwas Gaunerhaftes an, obwohl er mittlerweile von allen gesellschaftlichen Schichten gleichermaßen verwendet wird.

Da es sich für nicht spanischsprachige Menschen beim Lunfardo um eine Art Fremdsprache in einer Fremdsprache handelt, ist es schwierig, seine Besonderheit zu erklären. Um dies zumindest im Ansatz zu schaffen, habe ich mich an die erste Strophe aus der berühmten „Milonga Lunfarda“ von Edmundo Rivero herangewagt, einer Art Sammelsurium von Lunfardismen.

In diesem Tangolied beschreibt Rivero den Dialekt, als würde er ihn einem ausländischen Freund erklären. 

Meine Übersetzung klingt leicht archaisch, und genauso verhält es sich mit einem Großteil der Lunfardo-Wörter zumindest vom heutigen Standpunkt aus.

„En este hermoso país que es mi tierra, la Argentina,

la mujer es una mina y el fueye
es un bandoneón.

El vigilante, un botón, la policía,
la cana,

el que roba es el que afana, el chorro
un vulgar ladrón,

al zonzo llaman chabón y al vivo
le baten rana.“

In diesem schönen Land, meiner Heimat, Argentinien,

ist die Frau eine Dirn [mina] und der Blasebalg eine Handharmonika [bandonéon].

Der Wachmann ist ein Knopf [botón*], die Polizei die Bullerei [cana*],

wer stiehlt, der klaut [afana] und der Spitzbub [chorro]
ist ein gemeiner Dieb.

Den Idioten rufen sie Dämlack [chabón] und den Gewieften nennen sie Frosch [rana].

botón = Knopf aufgrund Knopfreihe an der Uniform des Wachmannes
cana = 1. vom französischen „canne“ (Stock, Schlagstock) oder 2. vom italienischen „mettere in cana“ (einsperren)

Rückwärtspalaver

Ein weiterer amüsanter Lunfardo-Bestandteil ist der sogenannte „vesre“, bei dem die hintere Wortsilbe an den Anfang gestellt wird, sodass sich dadurch ein neues, für Nichteingeweihte kaum identifizierbares Wort ergibt. „Vesre“ selbst ist zum Beispiel so eine Verrückwärtsung, denn darin versteckt sich „reves“ (rückwärts). Noch heute in aller Munde sind außerdem „jermu“ (mujer) für die Frau, „llerta“ (taller) für die Werkstatt, „chabomba“ (bombacha) für die Unterhose oder „dorapa“ (parado), das eigentlich nur „stehend“ bedeutet, aber ein Code für das Liebemachen im Stehen ist.

Ein kurzer Blick auf die argentinische Sprache verdeutlicht recht schnell den Witz und die Ironie, die die Argentinier nicht nur im Herzen, sondern auch auf der Zunge tragen. Sie sind eben, zumindest aus meiner steif-deutschen Perspektive, ein furchtbar lustiges Völkchen.

¡Che Boludo!

Da wird auch nicht vor der physischen Unterlegenheit des Nächsten haltgemacht, sondern sie wird einfühlsam in Form eines Spitznamens unterstrichen. So heißt der Freund mit der großen Nase „narigón“, der mit dunklerer Haut „negro“ und der mit kleinerem Geschlechtsteil „piji“. In diesem Sinne ist eine Anrede, die ¡hola gorda! (Hallo Dicke) oder ¡che boludo! (Hey, du Idiot) lautet, durchaus liebevoll gemeint. Vielleicht nimmt man sich in Argentinien einfach nicht so furchtbar ernst, sondern nutzt viel lieber jede noch so kleine Gelegenheit zum Witzereißen. Dadurch nimmt ein jeder in Kauf, selbst einmal Opfer eines Scherzes zu sein. Lachen ist einfach wichtiger und befreit!

Eine grundsätzliche Lebenseinstellung, von der wir uns vielleicht hin und wieder mal eine Scheibe abschneiden sollten…

 

Fallen dir noch weitere Wörter, Ausdrücke oder Redewendungen ein, die den Witz und den Esprit des argentinischen Spanisch verdeutlichen? Teil‘ sie mit uns über die Kommentarfunktion.

 

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