Anderntags im Schwimmbad. Ein kleines Mädchen von vielleicht vier Jahren läuft weinend und suchenden Blickes an den Umkleiden vorbei. Ich beobachte die Szene von Weitem und warte darauf, dass jemand in ihrer Nähe sie anspricht, sie tröstet und ihr Hilfe verschafft. Es dauert gefühlte Ewigkeiten. Viele scheinen zu denken „Kann das Gör nicht woanders kreischen?“ und erkennen ihre missliche Lage überhaupt nicht.

Strand von Mar del Plata von oben

Strand von Mar del Plata (Foto von Juan Cruz Mountford)

Applaus, Applaus!

 

Unwillkürlich muss ich an unsere Urlaube an argentinischen Stränden denken, die im Sommer so überlaufen sind, dass kaum ein Quadratmeter Sandstrand ungenutzt bleibt. Hier kommt es schnell und häufig vor, dass ein Kind verloren geht. Doch die Menschen wenden hier eine einfache und geniale Technik an, um ganz ohne Lautsprecherdurchsage die Eltern des Kindes auf ihren weinenden Sprössling aufmerksam zu machen. Ohne lange zu fackeln setzt sich einer der Umstehenden das Kind auf die Schultern und die Masse folgt den beiden laut klatschend den Strand entlang. Auf jedem Meter schließen sich mehr Menschen an und binnen kürzester Zeit ist die Prozession kaum mehr zu übersehen und in den meisten Fällen kommt dann auch im Handumdrehen die schweißgebadete Mutter angerannt, um den Knirps weinend in Empfang zu nehmen.

Mit Kindern auf Augenhöhe

 

Mich hat das immer wieder schwer beeindruckt. So ein Verhalten zeugt von Solidarität und Hilfsbereitschaft und zwar den Kleinsten in einer Gesellschaft gegenüber. Es zeigt, dass eine Gesellschaft intuitiv imstande ist, sich mit Kindern auf Augenhöhe zu bewegen und mit ihnen in Kontakt zu treten. Zwar spielt häusliche Gewalt in lateinamerikanischen Familien noch immer eine größere Rolle als bei uns, dennoch habe ich in Argentinien eine extrem kinderfreundliche Gesellschaft kennengelernt, in der sich Kinder auch mal danebenbenehmen dürfen und die nicht ständig von Erwachsenen-Veranstaltungen oder –orten ausgeschlossen werden. In Deutschland hingegen ist häufig eine kollektive Scheu vor anderer Menschen Kinder zu beobachten.

Störfaktor Kind

 

Kinder sind laut, langsam und unglaublich anstrengend. Und dennoch sind sie der bedeutendste Teil unserer Gesellschaft, denn von ihnen hängt unsere Zukunft ab. In Deutschland werden Kinder häufig als Störfaktor betrachtet, so sehr, dass sich sogar kinderliebende Familien dem unterwerfen und anpassen und ständig ihre Kleinsten ermahnen, um gesellschaftlich bloß nicht anzuecken. In Argentinien sind Kinder „dabei“ und zwar überall. Sie werden geherzt und gedrückt, man treibt Schabernack mit ihnen und steckt ihnen kleine Geschenke zu, und zwar nicht nur den eigenen Kindern.

Spielende Kinder im Wasser

Foto von Janko Ferlič

Mehr lateinamerikanische Gelassenheit

 

Bei uns erscheint der Graben zwischen denen, die Kinder haben, und denen die keine Kinder haben, oft unüberbrückbar. Was verständlich erscheint, denn entscheidet man sich gegen Kinder, erspart man sich dadurch schließlich auch das nervige Gekreische und die schmutzigen Handabdrücke an Wänden und Möbeln. Doch sind Kinder keine halbfertigen Menschen. Und darum ist Kinderfeindlichkeit auch Menschenfeindlichkeit. Vielleicht ist es die lateinamerikanische Gelassenheit, von der wir uns auch im Hinblick auf unseren Nachwuchs mal wieder eine Scheibe abschneiden könnten.

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